F. Kafka „Das Urteil“ beschreibt einen brutalen Vater- Sohn Konflikt.
Verfasst in einer einzigen Nacht, so Hans Kramer, ist die Entstehung des Werkes beispielhaft für Kreativität.

gefunden in der FB- Gruppe „Deutsche Literatur“, Danke an Hans Kramer:

KAFKA KROCH TIEF IN DIE WUNDE, DIE ER GESCHAFFEN HATTE

Am Sonntag, den 22. September 1912, um zehn Uhr abends, sitzt ein 29-jähriger Mann in Prag an einem Schreibtisch. Bis dahin war der Tag laut seiner späteren Beschreibung „so trostlos, dass ich nur schreien wollte“. Die ganze Nacht schreibt er hektisch und erst viele Stunden später, um sechs Uhr morgens, ist er fertig. Am Montagmorgen ist er gezwungen, sich krank zu melden, um etwas Schlaf zu bekommen, bevor er seinen Job in der Institut für Arbeitsunfallversicherung antreten kann.

Das Ergebnis seiner Bemühung in dieser Nacht, eine zehnseitige Kurzgeschichte, wird die Geschichte der Literatur verändern. Und der Mann heißt natürlich Franz Kafka.

Einer der lebhaftesten Mythen über Kafka ist, dass er alle seine Texte vor seinem Tod verbrennen wollte. Das ist direkt falsch. Und praktisch war das auch nicht möglich. Kafka veröffentlicht in seinem Leben eine ganze Menge Texte. Aus zwei Testamentähnlichen Briefen an seinen Freund Max Brod, in den frühen 1920er Jahren geht hervor, dass Kafka mit einer langen Reihe seiner Kurzgeschichten und Prosastücke zufrieden war. Nicht zuletzt freute er sich über die Kurzgeschichte vom September 1912 – „damals ging die Wunde zum ersten Mal in einer einzigen langen Nacht auf“, wie er sie formulierte.

Eine Wunde? Wer steigt zum ersten Mal auf? Der Roman heißt „Das Urteil“ und handelt von dem jungen Geschäftsmann Georg Bendemann, der neu engagiert und erfolgreich einen Brief an einen alten Freund in Russland geschrieben hat. Georg sucht dann seinen betagten Vater auf, um über den Brief zu sprechen. Zuerst unterhalten sie sich leise, der Vater ist wegen seiner schlechten Gesundheit ans Bett gefesselt.

Doch bald geht der Vater zu einem gewaltsamen Angriff auf Georgs ganze Person und Wandel über, der Vater hat selbst Briefe an seinen Freund in St Petersburg geschrieben und der Angriff endet abrupt mit einem Urteil: Georg muss sterben! Dies veranlasst Georg, sofort die Wohnung zu verlassen, er rennt zum nahegelegenen Fluss, und mit einem beherzten Sprung stürzt sich der enttäuschte Sohn in den Fluss, wobei er die Worte »Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt.« auf den Lippen hat.

Der Text, den Kafka sorgfältig seiner Verlobten Felice Bauer zuschrieb, ist alles andere als sein Bester. Selbst innerhalb einer absurden Tradition sind ihre Wendungen zu drastisch und die Beziehungen der Charaktere zu dem entfernten Freund scheinen nur symbolisch zu sein, was der Dramaturgie eine Schlagseite gibt.

Was in „Urteil“ war es, das Kafka so zufriedenstellend fand? Vermutung: Die Gelegenheiten, die er sah, waren weiter unten in der Wunde. Indem er die Kurzgeschichte in einer einzigen Sitzung schrieb, kam er seinem Ideal einer „völligen Offenheit von Körper und Seele“ nahe, beinahe als ein Prozess ohne Pausen zu verstehen, als er es tief in einer Fiktion schaffte, absolute Präsenz in persönlichen Schmerzpunkten zu erreichen. Und dies mit Hilfe einer trockenen und sachlich registrierten Sprache, die es dennoch ermöglichte, eine innere und eine äußere Realität nicht nur ineinander zu schießen, sondern auch manchmal völlig zu verändern. Gleichzeitig mit dem surrealistischen Horror und der rücksichtslosen Gewalt konnte dann auch ein kühlender rebellischer Vater entstehen.

Er verfeinerte damit die Methode, die ihn als Schriftsteller weiterführte. Die Wunde weitete sich und vertiefte sich so sehr, dass er sogar hineinkriechen konnte. Vor allem schob er seinen Methode, um die Meisterschaft der Romane „Der Verschollene“ (zuerst „America“ genannt,) „Prozess“ und die herrliche „Das Schloß“, diese Bücher wollte er , als er mit seinem Tod konfrontiert wurde, und da ist der Mythos war, verbrennen. Weil das Romanschreiben nicht die gleiche Offenheit erlaubte.

Für lange Geschichten schreibt man nicht in einer Nacht, sondern man brauchte ein Jahr, es verlangte nach Planung und komplizierte dramaturgische Linien. Das überwältigte ihn.

Das Potenzial der Wunde konnte nicht voll ausgeschöpft werden, der Wunsch, in seinen Schriften stets offen zu bleiben, stellte ihn vor ein Dilemma, das so unlösbar war wie das von Josef K. im „Prozess“. Keiner der später geliebten Romane wurde deshalb in seinem Leben immer wieder von Kafka als erfolglos bezeichnet, ein paradoxerweise strenges Urteil, zumindest so hart wie das des Vaters über Georg.

Es ist keine Neuigkeit, dass Autoren selten die übersichtlichsten Leser ihrer eigenen Texte sein können. Und es ist eine Illusion zu glauben, wer einen Text geschrieben hat, sollte ihn von der eigentlichen Arbeit, die dazu geführt hat, unterscheiden können. Im Vergleich zu den hochwertigen Romanen bleibt „Das Urteil“ unter anderem nur eine frühe Kurzgeschichte. Zur gleichen Zeit ist es kaum faszinierend und berührend, den Text genau zu lesen, wenn man weiß, dass Kafka mit diesem bestimmten Text hier seine Goldmine gefunden hat.

Oder vielmehr die Wunde. Einhundertsieben Jahre später ist sie glücklicherweise immer noch so weit offen, mit aufgeschlitzten Rändern und lebendigem Fleisch – wagen wir überhaupt, darüber nachzudenken, wie die Literatur des 20. Jahrhunderts ausgesehen hätte ohne diese wundersame Wunde ausgesehen hätte?

HK